Monatsarchiv für März 2008

Update Podcasting 2008

Donnerstag, den 13. März 2008 - von Dirk Middeldorf

Spätestens seit dem Sommer 2006 wurde Podcasting in Deutschland populär. Die weite Verbreitung von iPods und vor allem der Software iTunes sowie der flächendeckenden Versorgung mit DSL hat die Verbreitung von Podcasts gefördert.

“Podcasts sind kein Medium, wie sie so oft gehypt worden sind. Der Podcast an sich ist einfach nur ein Vertriebsweg, den man nutzen kann und sollte”, sagt Dennis Horn, Redakteur bei Antenne Düsseldorf und einer der beiden Autoren des Podcast-Buchs.

Die immensen Vorteile des abogetriebenen Vertriebs von Mediendateien sind für die Podcasting-Szene Fluch und Segen zugleich. Der weitaus größte Teil der konsumierten Podcasts besteht aus der Zweitverwertung der Inhalte von Medienunternehmen. Die große Popularität von Podcasts wie Galileo, Tagesschau oder aktuell des Radio-Tatorts der ARD-Sender verdrängt die erstverwerteten Podcasts aus den Charts und nimmt ihnen somit die Aufmerksamkeit. Soweit der Fluch; der Segen besteht darin, dass die großen Medienunternehmen den Verbreitungsweg “Podcast” erst populär gemacht und somit den privaten Podcastern vielleicht sogar mehr Aufmerksamkeit ermöglichen, als sie ohne die Zweitverwerter bekommen hätten.

Letztlich entscheidet die Qualität über den Erfolg von Podcasts. “Ein Großteil der privaten Audiopodcasts erreicht den Status von intimen Audio-Communities”, so der Podcaster und Podcastexperte Alex Wunschel, “einige wenige adressieren erfolgreich den Anspruch der Hörer hinsichtlich strukturierter Inhalte und zumindest halbwegs professioneller Produktion.” Schaut man in das Podcast-Verzeichnis podster.de, indem sich vor allem die privaten Podcaster sammeln, findet man eine Vielzahl kleinteiliger und spezialisierter Podcasts von oft überschaubarer Güte. Das Portal podcast.de entdeckt nichtsdestotrotz einen Aufwärtstrend. Allerdings dominieren auch hier die Zweitverwerter.

Es zeigt sich also eine klare Dreiteilung der Podcasting-Szene in recht professionell produzierte Podcast mit journalistischem Anspruch, laienhaft produzierte Podcasts, in denen der Spaß am Bereitstellen von Special-Interest-Content vorherrscht, sowie die große Masse der Zweitverwerter.

Im Bereich Corporate Podcasting, der vierten Gruppe, findet die Einbindung von Audio- und Video-Content nur zaghaft statt. Die Unternehmen erkennen noch zu wenig die Potenziale für ihre Kommunikation. Oder sie sind enttäuscht über die Akzeptanz ihrer Podcasts. Alex Wunschel erklärt das Erfolgsrezept für Corporate Podcasts: “Größte zu lösende Aufgabe ist die redaktionelle Dimension dieses neuen Mediums. Denn hier müssen Unternehmen, Produkte und Marken anfangen, interessante Geschichten zu erzählen, welche die Zuhörer oder Zuseher fesseln und begeistern. Es findet auch ein Umdenken hinsichtlich der Dimension ‘Aufmerksamkeit in der Zielgruppe’ statt. Hier bieten audiovisuelle Formate eine hervorragende Möglichkeit, Glaubwürdigkeit und Transparenz zu vermitteln und zahlen damit in die Kommunikationsziele des Unternehmens ein. Gelungene Beispiele sind der Marco Polo Podcast, Stuttgart Podcast oder der Nestlé Ernährungsratgeber.”

Zusammenfassend kann man aber sagen, dass sich Podcasting zwar etabliert, aber noch eine große Entwicklung vor sich hat. Die Möglichkeit der zeit- und ortsunabhängigen Nutzung ist der Haupttreiber dieser Entwicklung. “Podcasts werden zur Hälfte am Rechner, zur Hälfte mobil genutzt. Wenn sich die technischen Rahmenbedingungen ändern, sodass Podcasts auch über Mobiltelefone genutzt werden können, wird es einen weiteren Schub für Podcast geben”, sagt Wunschel.

Kein Kommentar

Mittwoch, den 5. März 2008 - von Dirk Middeldorf

Ein sehr schönes Feature hat der Medienjournalist Stefan Niggemeier in sein Blog eingebaut: Die Leser können nun die Kommentare abschalten. In einer “Pressemeldung” heißt es von Niggemeier dazu: “Auf diese Weise kommen wir den Wünschen vieler Blog-Leser nach, die sich von diesem interaktiven Moment bedroht fühlten oder das unfassbare Gesabbel unter viele Einträgen nicht mehr ertrugen.” Sein Vermarkter Sascha Lobo ergänzt: “Die Kommentare auf stefan-niggemeier.de/blog beweisen die intensive Mitmachability von Blogs bis tief in die unteren Zielgruppen hinein. Durch die individuelle Abschaltbarkeit wird sich die Nutzervarianz sehr stark einengen – ein klarer Vorteil für den Werbekunden, weil Kommentare nicht mehr unbeabsichtigt gelesen oder geschrieben werden dürften.”

Niggemeiers Aktion ist als satirischer Kommentar auf die bestätigte Einstweilige Verfügung des Hamburger Landgerichts zu verstehen. Das von Niggemeier kritisierte Unternehmen Callactive hatte die Einstweilige Verfügung wegen eines Kommentares in seinem Blog erwirkt. Niggemeier hatte den Kommentar zwar direkt gelöscht, nachdem er ihn gelesen hatte. Callactive verlangt von ihm aber faktisch, die Kommentare vor Veröffentlichung zu prüfen, was dem Wesen von Blogs grundsätzlich widerspricht.

Stefan Niggemeier betreibt mit Christoph Schultheis das erfolgreichste deutsche Blog “Bildblog”.

Derweil türmen sich sich die Kommentare zum entsprechenden Blogpost. Leser Harm meint etwa treffend: “Web 2.06 – Du bist erfunden!”

Neuromarketing: Zeitgeistig in die Röhre gucken

Dienstag, den 4. März 2008 - von Thilo Trump

Neben Neuropsychologie, Neurophilosophie, Neurosoziologie und Neuroökonomie sind auch Neuromarktforschung oder (das anwendungsbezogen verkaufsfördernder klingende) Neuromarketing Vorboten eines grundlegenden Wandels der Wissenschaft, die voraussichtlich ab 2014 grundsätzlich in Hirnforschung umgetauft werden wird.

Hauptmerkmal dieser Totalreformation der Wissenschaften wird sein, dass keine Empirie mehr ohne bildgebende Verfahren und keine Theorie mehr ohne Nennung von Hirnarealen oder wenigstens Neurotransmittern auskommen wird.

Die gängige Reaktion auf dieses Irgendwas-mit-Neuro ist typischerweise der Satz: “Das find ich total spannend!”. Gemeint ist damit in der Regel die je nach Perspektive gruselige oder Gewinn versprechende Faszination der Idee, man könne mit diesem Neurodings die Gedanken anderer Menschen lesen.

Aber kann man das wirklich? Kann man mit einem fMRT oder PET “dem Gehirn beim Denken zusehen”, wie es bei Siemens so poetisch heißt? Und was soll das überhaupt sein: “denken sehen”?

MRT

Technisch gesprochen ist damit eine reichlich lange Kette aufeinander aufbauender Annahmen und mathematisch-statistischer Kunstgriffe gemeint, an deren Ende ein Foto steht, auf dem Bereiche eines Gehirns farbig markiert sind.

Wenn man die Assoziation zur Informationsentropie beim Stille Post spielen erfolgreich verdrängen kann und der Kette von Beobachtungen und Annahmen folgt, sieht man auf einem solchen Bild im Ergebnis folgendes: Hinweise auf Hinweise für die Unterschiede der Durchblutung und des Glucoseverbrauchs ausgewählter Hirnareale zwischen einem Vorher- und einem Nachherzustand (bzw. Kontroll- und Experimentalzustand).

Wer das ernsthaft mit Gedankenlesen gleichsetzt, der muss erstens ein grotesk plumpes Verständnis vom Funktionsprinzip des Hirns besitzen und verwechselt zweitens schlichtweg Äpfel mit Birnen, beziehungsweise Zucker mit Gedanken.

Ebensowenig wie Gedanken sieht man bei bildgebenden Verfahren Motive, Persönlichkeitseigenschaften oder Entscheidungsprozesse. Das alles entsteht erst durch psychologische Theorien und die damit verbunden Beobachtungen. Mit diesen Erkenntnissen werden die Unterschiede in der Hirndurchblutung dann in Zusammenhang gebracht und erklärt.

Was im Ergebnis häufig bedeutet, dass man die bildgebenden Verfahren, wenn man aktuell kein spezifisches Interesse an der Hirndurchblutung hat, auch einfach weglassen kann. Das möchte ich gerne an einem beliebig herausgegriffenen Beispiel demonstrieren: Bitte streichen Sie bei diesem Artikel den Satz

„Gehirnscans mit dem funktionalen Magnetresonanz-Tomografen zeigten aber, dass die Raucher die Alternativen in den weiteren Entscheidungsprozessen ignorierten.“

und fragen sich, welche Erkenntnis der Studie dadurch verloren geht?

Die zentrale Kraft beim allgemeinen Verständnis dieser Fotos scheint also häufig die Tatsache zu sein, dass man im Bann der bunten Bilder der Gehirne das eigene nicht mehr richtig benutzt, um sich zu fragen, was man denn da gerade sieht und wozu das gut sein soll. Das führt dann unter anderem beispielsweise dazu, dass die schlichte Erkenntnis, dass man den freien Willen eben dort nicht findet, wo er halt nicht zu finden ist zur zentralen Sensation des „Zeitalters der Hirnforschung“ hochgejazzt wird.

Und das ist natürlich in der Tat eine Form von Neuromarketing, vielleicht sogar die eigentliche.